Sprechende Straßenbahn

Neue Fahrzeuggeneration mit bundesweit einmaligem Ansagesystem überwindet Barrieren.

„Linie 5, Zoopark“, mit der akustischen Information zu Ziel und Liniennummer fährt der Stadtbahnzug in die Haltestelle ein. Unter den Wartenden ist eine junge Frau mit weißem Taststock. Nach dem Erklingen der Ansage steigt sie zielstrebig in die haltende Bahn ein. Kein Zukunftsszenario, sondern Realität in der ersten Stadtbahn einer völlig neuen Fahrzeuggeneration in Erfurt. Am 3. August 2011 übergab EVAG-Vorstand Myriam Berg die erste sprechende Stadtbahn, die den besonderen Mobilitätsbedürfnissen sehbehinderter Menschen genügt, ihrer Bestimmung. Nach den Sommerferien geht die Stadtbahn auf der Linie 3 in den Einsatz.Gemeinsam mit der Gesellschaft für Sprachtechnologie GmbH Berlin und der Fachhochschule Erfurt entwickelte die Erfurter Verkehrsbetriebe AG ein Ansagesystem, das gerade sehbehinderten Menschen die Nutzung des Nahverkehrs erleichtert. „Dabei handelt es sich um ein deutschlandweit einmaliges System. Die Technik passt die Ansagelautstärke automatisch an die Umgebungslautstärke an“, erklärt Myriam Berg. An der Türseite der Bahn befinden sich Flächenlautsprecher. In Kopfhöhe der Fahrgäste sorgen sie für einwandfreie Hörqualität. Bereits wenige Meter von der Bahn entfernt ist nichts mehr zu hören. Erste Testfahrten mit Sehbehinderten fanden durchweg positive Resonanz.Dank der Förderung durch das Land Thüringen werden künftig alle von der EVAG neu in den Dienst gestellten Erfurter Stadtbahnwagen die EU-Richtlinie 2001/85 erfüllen. Diese hat zum Ziel, die Zugänglichkeit von Fahrzeugen des ÖPNV für Personen, die in ihrer Mobilität eingeschränkt sind, weiter zu verbessern. Elf weitere Bahnen werden folgen. Insgesamt handelt es sich dabei um ein Investitionsvolumen von etwa 24 Millionen Euro, was ca. zwei Millionen Euro pro Bahn entspricht. 70 Prozent der Kosten werden vom Land Thüringen übernommen. Ab August wird nun schrittweise eine weitere Barriere für Menschen mit Einschränkungen im Erfurter Nahverkehr abgebaut. Die sprechende Stadtbahn gewährt Menschen mit Sehbehinderungen ein weiteres Stück Selbstständigkeit bei der Nutzung der Stadtbahn. Mussten sie sich bisher auf die Unterstützung eines Begleiters verlassen oder bei anderen Fahrgästen nach der Liniennummer der ankommenden Stadtbahnen erkundigen, gibt nun das Fahrzeug selbst Auskunft darüber. Die neue Technik bietet aber auch Kindern und Touristen mehr Orientierung im Öffentlichen Personennahverkehr. Die barrierefreie Gestaltung von Fahrzeugen und Haltestellen ist seit dem Einsatz der ersten Niederflurbahnen in Erfurt vor 20 Jahren ein gewaltiges Stück vorangekommen. Erfurt kann bereits einiges vorweisen: 85 Prozent der Stadtbahn Haltestellen sowie 50 Prozent der Bushaltestellen in Erfurt sind barrierefrei gestaltet. 80 Prozent der Stadtbahnen sowie 85 Prozent Busse sind bereits behindertengerecht. Außerdem weist ein Liniennetzplan alle Haltestellen für Rollstuhlfahrer oder in ihrer Gehfähigkeit eingeschränkte Fahrgäste aus.

Wir sagen danke

„Der Blinden- und Sehbehindertenverband sagt danke.“ Nadine Sabath, Kreisvorsitzende des Verbandes, freut sich. Als Betroffene weiß sie nur zu gut, wie sehr man auf die Hilfe anderer Passanten angewiesen ist, will man sich im öffentlichen Raum bewegen. „Mit der sprechenden Stadtbahn haben Blinde und Sehbehinderte nun endlich die Möglichkeit, selbstständig am öffentlichen Leben teilzunehmen. Das ist eine große Errungenschaft, auch für Touristen und Kinder, damit sie sich im Öffentlichen Nahverkehr schneller zurechtfinden.“

Quelle: Mit freundlicher Genehmigung der SWE Stadtwerke Erfurt GmbH